Ortsgeschichte Küsnacht
Der gefährlichste Störenfried der Schweiz
An einem stillen Stück Küsnachter Seeufer entwarf 1830 ein vertriebener Hesse die moderne Zürcher Demokratie. Drei Jahrhunderte zuvor hatte hier schon ein anderer die Verhältnisse umgepflügt. Über zwei Reformatoren, die nie voneinander wussten – und ein Ensemble aus Stein, das ihre Geschichte trägt.


Im Oktober 1830 beugt sich im «Doktorhaus» am Küsnachter Seeufer ein Mann über das Papier, den die Behörden der Eidgenossenschaft für den «gefährlichsten Störenfried der Schweiz» halten. Ludwig Snell, ein aus dem Herzogtum Nassau vertriebener Gymnasialrektor, schreibt in nur zwei Tagen nieder, was den Kanton Zürich aus den Angeln heben wird: das «Memorial von Küsnacht», den Entwurf einer Verfassung, in der Stadt und Land endlich gleich viel gelten sollen. Es ist, an diesem unscheinbaren Ufer, so etwas wie die Geburtsurkunde der modernen Zürcher Demokratie.
Dass ausgerechnet hier, zwischen einem alten Trottengebäude und einem späteren Altersheim, die Republik neu gedacht wird, gehört zu den Pointen der Geschichte. Snell, 1785 im hessischen Idstein geboren, hatte in Giessen Theologie studiert und über Diogenes Laertius promoviert, ehe ihn seine liberale Gesinnung um Amt und Brot brachte. Nachdem ein Freund 1820 ein Attentat auf den nassauischen Regierungspräsidenten verübt hatte, wurde Snell suspendiert und schliesslich entlassen; mittellos schlug er sich eine Weile in England durch und emigrierte 1827 in die Schweiz. Seine Schriften zur Pressefreiheit machten ihn landesweit bekannt – und der Obrigkeit unheimlich.
Als im Sommer 1830 die Pariser Julirevolution Europa erschütterte, war Snell zur Stelle. Das Memorial, das er gemeinsam mit den Küsnachtern Rudolf Brunner und Heinrich Streuli ausarbeitete, wies der grossen Volksversammlung von Uster am 22. November 1830 die Richtung – und damit der Revision der Kantonsverfassung von 1831. Zürich wurde für ein Jahrzehnt zum Vorbild und geistigen Führer der schweizerischen Regeneration. Snell, später Professor in Zürich und Bern, blieb der Gemeinde verbunden und wurde 1832 ihr Bürger. Seine letzten Jahre verbrachte er im Doktorhaus, bei seinem Freund, dem Arzt Brunner; hier starb er am 5. Juli 1854 – an jenem Ufer, an dem er zum ersten Mal entscheidend in die Geschichte eingegriffen hatte.
Ein Wiedergänger über drei Jahrhunderte
Hätte Snell an Wiedergänger geglaubt, es hätte ihn an diesem Ufer ein Schauer überlaufen können. Denn dreihundert Jahre vor ihm hatte hier schon einmal ein Mann die Verhältnisse umgepflügt – auch er ein Reformer, nur in Glaubensdingen.
Konrad Schmid, letzter Komtur der Küsnachter Johanniter und Weggefährte Zwinglis, führte in der Seegemeinde die Reformation ein. Als sich die Küsnachter 1524 weigerten, den Zehnten weiter an das ferne katholische Kloster Engelberg zu entrichten, und die Innerschweizer Schirmorte klagten, wurde Schmid vor den Zürcher Rat zitiert. Dort tat er das Unerwartete: Er verteidigte die Abgabe. Der Zehnt sei zu leisten, lehrte er, wenn die Obrigkeit ihn zum Wohl der Allgemeinheit einfordere. So rettete ausgerechnet der Reformator den Besitz des katholischen Klosters und bewahrte den Frieden am See. Sieben Jahre später fiel er, am 11. Oktober 1531, in der zweiten Schlacht bei Kappel – getreu seinem Wort: «Den Zwingli lass ich nicht im Stich.»
Zwischen den beiden liegen drei Jahrhunderte und keine Bekanntschaft; verwandt sind sie im Geiste. Der eine erneuerte den Glauben, der andere den Staat – und beide machten ein verschlafenes Stück Seeufer zur Startrampe kantonaler Umwälzung. Es ist diese doppelte Spur, die das Ensemble aus Trotte, Hafen und Doktorhaus zu weit mehr macht als einer hübschen Uferkulisse. Man muss nur die Steine lesen können.
Die Trotte und ihre verborgenen Heiligen
Die Zehntentrotte, 1290 erstmals erwähnt, ist das älteste erhaltene Trottengebäude des Kantons Zürich. 1409 kaufte sie Komtur Johannes Staler für die Johanniterkommende – einen geistlichen Ritterorden, der Spitäler unterhielt und zugleich, an der äussersten Front der Christenheit, Festungen wie Rhodos gegen die Türken hielt. Kaum erworben, liess Staler die seeseitige Westfassade mit einem Freskenzyklus überziehen, um den Kauf für alle Zeiten festzuhalten und sich und dem Orden ein Denkmal zu setzen. Die rund dreizehn Meter lange Bildfolge aus dem frühen 15. Jahrhundert ist für einen Profanbau im Kanton Zürich einzigartig. Von links nach rechts erzählt sie:
- Das erste Wappenpaar. Links die weisse, dreilappige Kirchenfahne der Grafen von Werdenberg-Sargans, von denen Graf Hugo II. die Küsnachter Kirche 1358 für die Johanniter erworben hatte; rechts ein springender Jagdhund, das Wappentier des Vorgängers Schulthess von Gebwiler.
- Die Taufe Christi. Der unbekleidete Jesus im Wasser des Jordan, zu seiner Linken Johannes der Täufer, zur Rechten ein Engel mit dem roten Gewand.
- Die Mantelteilung des heiligen Martin, der seinen Mantel mit einem Bettler teilt.
- Die Muttergottes mit dem Stifter. Neben Maria kniet der Auftraggeber Johannes Staler selbst, an der Tonsur als Geistlicher kenntlich; ein Schriftband bittet auf Latein: «ora pro me mater misericordiae» – «Bitte für mich, Mutter der Barmherzigkeit».
- Drei Heilige: der Evangelist Johannes mit dem Adler, Laurentius mit dem Rost, Jakobus der Ältere als Pilger mit Hütchen und Muschel.
- Der heilige Christophorus, der Bildtradition gemäss überlebensgross: Er watet durchs Wasser, auf einen entwurzelten Baum gestützt, und trägt das Jesuskind, das die Weltkugel hält und segnet. Das gewaltige Bild war einst von weit draussen auf dem See zu sehen – ein Wahrzeichen über dem Hafen.
- Das zweite Wappenpaar: links das Wappen des Komturs Rudolf Keller mit schrägem weissem Balken und drei roten Kugeln, rechts das weisse Kreuz der Johanniter auf rotem Grund.
Es war Konrad Schmid, der diese Heiligen rettete, indem er sie verschwinden liess. Um 1524, als der Bildersturm wütete, liess der zum neuen Glauben übergetretene Komtur den Zyklus unter einer zwei Zentimeter dicken Putzschicht verschwinden – und bewahrte ihn so vor der Zerstörung. Fast vier Jahrhunderte blieb er verborgen, bis ihn 1932 der Küsnachter Kulturhistoriker Armin Eckinger wieder ans Licht holen liess. Der Name des Malers ist bis heute unbekannt.
Wein, Zehnt und eine fromme Freundschaft
Vor der Trotte liegt der Zehntenhaab, ein steinerner Damm, jahrhundertelang der einzige Anlege- und Umschlagplatz weit und breit. Hier wurde verladen, was die Trotte presste: der nasse Zehnt, der Weinzehnt. Eine Übereinkunft von 1416 teilte ihn – drei Viertel den Johannitern, ein Viertel der bischöflichen Quart, die 1433 an das Kloster Engelberg überging. Von da an verwalteten Engelberger Amtmänner, die Familien Wirz und Streuli, die Güter der fernen Abtei und verschifften deren Wein über den See in die Innerschweiz.
Geliebt haben die Mönche diesen Wein nicht. Er galt als so sauer, dass ein Chronist spottete, er habe «die Schnäbel der Zinnkannen angefressen». Trotzdem reiste der Abt jeden Herbst persönlich an, überwachte das Geschäft und bewirtete die Amtsleute mit Musik und Schiessen; den Bauern stand das Festmahl zu, die «Mostsuppe». Und auffälliger noch: Die Freundschaft zwischen der reformierten Seegemeinde und der katholischen Abtei überstand die Glaubensspaltung unbeschadet – nicht zuletzt, weil Konrad Schmid 1524 die Rechte des Klosters verteidigt hatte. Über die Konfessionsgrenze hinweg blieb man einander herzlich zugetan.
Das Doktorhaus: vom Amtssitz zum Asyl der Freiheit
Das Grundstück nebenan hatte das Kloster 1433 von Peter Kilchmatter für dreihundert Goldgulden erworben. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts war der Vorgängerbau so baufällig, dass der Amtmann Hans Jakob Streuli klagte, man müsse sich fürchten, darin zu wohnen: Das Wasser dringe durch Dach und Böden, Steine fielen aus den Mauern. Der Erlenbacher Baumeister Hans Jakob Hoffmann errichtete daraufhin zwischen 1695 und 1698 den heutigen Bau. Streuli bestand darauf, der Abt möge «kein verkehrtes Hauss» bauen lassen – die repräsentative Giebelfront solle dem See zugewandt sein, nicht die Längsseite. So entstand einer der schönsten schlicht-vornehmen Giebelbauten am Zürichsee. Sein Schöpfer hat sich verewigt: Wer genau hinsieht, erkennt im barocken Eisengeländer der Terrasse Hoffmanns eigene Initialen, kunstvoll in die gewundenen Bänder geschmiedet.
Dass das Kloster dieses Schmuckstück hergab, verdankt sich einer Katastrophe in der Innerschweiz. Am 29. August 1729 zündeten Klosterschüler vor den Ferien Feuerwerksraketen; die zweite landete auf dem ausgedörrten Schindeldach der Klosterkirche, und nach wenigen Stunden lag ganz Engelberg in Asche. Der barocke Wiederaufbau verschlang Unsummen. 1744 sah sich Abt Emanuel Crivelli gezwungen, die Küsnachter Güter zu verkaufen; für 32’000 Gulden gingen sie an den Zürcher Ratsherrn Hans Heinrich Wirth – auffallend günstig, aus Dankbarkeit, denn Wirths Vater hatte dem Kloster als Bankier in der Not beigestanden. Damit endete nach über drei Jahrhunderten die Herrschaft Engelbergs am Küsnachter Ufer.
Seinen volkstümlichen Namen erhielt das Haus erst im 19. Jahrhundert, durch den liberalen Landarzt Dr. med. Rudolf Brunner, der hier ein Erholungsheim für körperlich und seelisch Kranke gründete; ab 1895 wurde daraus eine weithin bekannte Nervenheilanstalt. Und es war dieser Brunner, der dem heimatlosen Snell ein letztes Zuhause gab. So schliesst sich der Kreis: Im selben Haus, das einst dem fernen Kloster gehört und Schmids Welt überdauert hatte, fand der Mann Zuflucht, der Zürich die Demokratie schrieb.
Heute
Seit 1961 gehört das über dreihundertjährige Baudenkmal wieder der Öffentlichkeit; die Gemeinde Küsnacht hat darin Alterswohnungen eingerichtet. Die Trotte, ein Kulturgut von nationaler Bedeutung, dient seit 1934 dem Seeclub als Bootshaus. Und dass die alte Verbundenheit nie ganz erlosch, zeigte sich 2021, als Küsnacht und Engelberg mit einem Begegnungstag am Seeufer das 900-Jahr-Jubiläum des Klosters und 588 Jahre gemeinsame Geschichte feierten.
Wer heute am Zehntenhaab steht, sieht ein Bootshaus und ein Altersheim. Wer die Geschichte kennt, sieht die Startrampe einer Republik – und einen Heiligen, der von der Fassade her noch immer über den Hafen wacht.
Quellen und Literatur
- Stefan G. Schmid: Ludwig Snell – ein Revolutionär in Küsnacht. Gedenkrede zum 150. Todestag des Verfassers des «Küsnachter Memorials». In: Küsnachter Jahrheft 2005, Jg. 45, S. 67–75.
- Ludwig Snell: Memorial von Küsnacht. Ansichten und Vorschläge in Betreff der Verfassung und ihrer Veränderung. Zürich 1830.
- Heinrich Stiefel: Dr. Ludwig Snells Leben und Wirken. Zürich 1858.
- Snell, Ludwig. In: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS).
- Armin Eckinger: Der Freskenzyklus an der Zehntentrotte. In: Küsnachter Jahrheft 1972.
- Walther Fuchs: Zehntentrotte, Zehntenhaab und ehemaliges Amtshaus des Klosters Engelberg. In: Kloster Engelberg und Küsnacht am Zürichsee. 588 Jahre Geschichte. Küsnacht: Digiboo Verlag, 2021, S. 76–85.
- Hermann Fietz: Die Kunstdenkmäler des Kantons Zürich, Band II. Basel: Birkhäuser, 1945.
- Birgit Hahn-Woernle: Christophorus in der Schweiz. 1972.
